Therapie statt Theorie. Das Big Typescript als Schlüssel zu Wittgensteins später Philosophieauffassung morepublished in: Stefan Majetschak (ed.): Wittgensteins 'große Maschinenschrift', Frankfurt/Main: Lang, 2006, pp. 31-59 |
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Therapie statt Theorie
Das Big Typescript als Schlüssel zu Wittgensteins später Philosophieauffassung
EUGEN FISCHER Der späte Wittgenstein vertritt eine revolutionäre und bislang wenig verstandene Auffassung davon, wie und wozu Philosophie betrieben werden sollte. Ihre Methoden sollen nicht theoretisch sein: „Wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches an unseren Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort und nur Beschreibung an ihre Stelle treten“ (PU 109).1 Genauso wenig wie um Erklärungen sollen Philosophen sich um substantielle Einsichten bemühen und nach nicht-trivialen Wahrheiten suchen: Philosophie „stellt nur fest, was Jeder ihr zugibt“ (PU 599, vgl. PU 128). Genauer: „[B]ei der Erledigung einer philosophischen Schwierigkeit [handelt es sich] nicht um das Aussprechen neuer Wahrheiten über den Gegenstand der Untersuchung“ (BT 416). Diese Bemerkungen implizieren eindeutig die Zurückweisung der Zielvorstellungen, die Philosophen traditionell verfolgen, ganz besonders in den von Wittgenstein bearbeiteten Feldern (der Philosophie der Sprache, des Geistes, der Mathematik). Weniger klar ist, was der späte Wittgenstein mit seiner philosophischen Arbeit statt dessen erreichen möchte, zumal ohne philosophische Theorie oder Erklärung. Dies ist das methodologische Haupträtsel, in der Tat wohl das Haupträtsel schlechthin, von Wittgensteins Spätwerk: Was soll es wie erreichen? Mit anderen Worten: Welche Aufgaben stellt sich Wittgenstein, und mit welchen Methoden oder Arbeitstechniken versucht er, sie zu erfüllen? Diese Frage möchte ich in diesem Aufsatz entwickeln und beantworten durch Rückgriff auf die methodologischen Bemerkungen im Big Typescript (im Philosophie-Kapitel BT 405-35). Deren Gehalt werde ich herausarbeiten durch Bezug auf ein Beispiel: auf die Frage ‚Was ist Bedeutung?’ und ihre Behandlung im Big Typescript-Kapitel Bedeutung (BT 24-58), das den Ausgangspunkt der berühmten Eröffnungspassagen der Philosophischen Untersuchungen darstellt. In dieser Weise möchte ich zeigen, daß Wittgenstein sich eine rein therapeutische
1 Zusätzlich zu den am Anfang dieses Bandes aufgelisteten werden hier die folgenden Siglen verwendet: FF für die Frühfassung der Philosophischen Untersuchungen. Kritischgenetische Edition, hrsg. von Joachim Schulte, Frankfurt 2001, und VW für Ludwig Wittgenstein / Friedrich Waismann, The Voices of Wittgenstein, hrsg. von Gordon Baker, London 2003. VW enthält Waismanns Ausarbeitung von Material, das ihm Wittgenstein 1929-34, also etwa zeitgleich mit seiner Arbeit am BT (angefertigt 1933) diktierte bzw. zukommen ließ. Ich berücksichtige Abschnitte der PG (die auf Umarbeitungen des BT in den Jahren 1933-34 basiert) und der FF der PU (aus dem Jahre 1937), in denen Wittgenstein Passagen aus dem BT übernimmt und weiter ausarbeitet. Verweise beziehen sich auf numerierte Abschnitte der PU und FF, ansonsten auf Seiten.
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Aufgabe stellt, erklären, warum dies in Anbetracht der von ihm behandelten Probleme vollkommen angemessen ist, und skizzieren, wie er diese Aufgabe ohne philosophische Theoriebildung zu meistern sucht.2 1. Das methodologische Rätsel Wittgensteins Bemerkungen zur philosophischen Methodik wurden öfter zitiert als ernst genommen. Viele Leser, wenn nicht die meisten, fanden sie schlicht unglaublich und gingen ihrer unbeschadet davon aus, daß Wittgenstein sich um substantielle Einsichten in philosophisch problematische Sachverhalte bemüht haben müsse. Dementsprechend wurden einige Stellen seines Werkes oft als Ausdruck nicht-trivialer philosophischer Behauptungen gelesen, flugs als ‚Theorie’ bezeichnet (so etwa PU 43 als ‚Gebrauchstheorie der Bedeutung’) und zur Formulierung philosophischer Erklärungen herangezogen. Auch die ernsthaftesten Exegeten fühlten sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, substantielle Einsichten in Wittgensteins Werk auszumachen, und dem, ihm ein zutreffendes Selbstverständnis zuzubilligen – wobei der zweite Wunsch öfter das Nachsehen hatte.3 In Anbetracht dieser gängigen Einstellung möchte ich zunächst auf einige Anzeichen dafür hinweisen, daß Wittgensteins Bemerkungen durchaus ernst gemeint sein dürften. Zunächst einmal enthalten Wittgensteins Texte auffallend wenig Sätze, die grammatikalisch geeignet sind, substantielle oder andere Behauptungen auszudrücken: Etwas weniger als die Hälfte der Philosophischen Untersuchungen etwa besteht aus Behauptungssätzen. Zweitens werden die meisten dieser Sätze verwendet, um konkrete Beispiele in die Diskussion einzuführen, zu sagen, ‚woran man denkt’, wenn man dies oder das über sie sagt, um Vergleiche zu ziehen, das Vorgehen zu erläutern, oder um recht triviale Beobachtungen zu machen, kurz: um etwas anderes zu machen, als substantielle Thesen aufzustellen oder nicht-triviale Behauptungen zu machen. So bleiben nur wenige Sätze auch bloß als Kandidaten für den Ausdruck solcher Thesen oder Behauptungen übrig.
2 Die ‚therapeutischen’ Ziele und Methoden Wittgensteins stehen im Mittelpunkt der gegenwärtigen ‚New Wittgenstein Debate’, deren Schwerpunkt sich derzeit von Wittgensteins Früh- zu seinem Spätwerk verschiebt, vgl. Alice Creary / Rupert Read, The New Wittgenstein, London 2000 und Erich Ammereller / Eugen Fischer, Wittgenstein at Work. Method in the „Philosophical Investigations“, London 2004. 3 Diesen Konflikt beschreibt etwa Kenny als seinen eigenen: Anthony Kenny, „Philosophy States Only what Everyone Admits“, in: Amereller / Fischer, Anm. 2, 173-82. Er macht sich auch in den wichtigsten Kommentaren zu den Philosophischen Untersuchungen bemerkbar, etwa Garth Hallett, A Companion to Wittgenstein’s ‘Philosophical Investigations’, Ithaca 1977 und Gordon Baker / Peter Hacker, Wittgenstein: Meaning and Understanding. An Analytical Commentary on Wittgenstein’s ‘Philosophical Investigations’, vol. 1, Oxford 1980 (sowie Folgebände), vielleicht in abgeschwächter Form auch in Eike von Savigny, Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“. Ein Kommentar für Leser, Frankfurt 21994.
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Drittens aber wird einigen dieser vermeintlichen Kandidaten ausdrücklich ein anderer Zweck zugewiesen als der, eine substantielle These auszudrücken. Ein gutes Beispiel hierfür ist die oben bereits erwähnte Bemerkung: Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes „Bedeutung“ – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache (PU 43). Der Vordersatz ist nicht nur bemerkenswert vorsichtig formuliert (man beachte Wittgensteins Kursivsetzungen), sondern macht vor allem auch klar, daß der Nachsatz nicht die philosophische Frage beantworten soll, was die Bedeutung eines Wortes ist oder ‚worin’ sie ‚besteht’. Statt diese Frage mit einer exemplarischen philosophischen These zu beantworten, soll der Satz eine Verwendung des Wortes „Bedeutung“ erklären: In vielen, wenngleich nicht allen Fällen, in denen wir von der ‚Bedeutung’ eines Wortes reden, kann man das, was wir sagen, als Aussage über den Gebrauch des Wortes in der Sprache umformulieren. Die Behauptung, daß ‚die Bedeutung der Gebrauch ist, den wir vom Worte machen’, taucht schließlich nur als Vordersatz eines Konditionals auf (PU 138, wieder aufgenommen in PU 197), mit dem Wittgenstein einen Einwand formuliert, den er sodann kritisiert (in PU 139ff.). Wenn er die substantielle Behauptung hätte aufstellen wollen, die ihm so oft als ‚Gebrauchstheorie’ zugeschrieben wird, hätte er dies auf verwirrend indirekte Art getan. In der Tat: Sogar eine vermeintlich tautologische Antwort auf die Frage, was die Bedeutung eines Wortes ist, wird in den Philosophischen Untersuchungen bloß zitiert, statt behauptet, und vom Nachsatz als etwas ganz anderes erwiesen, nämlich als heuristische Maxime: „Die Bedeutung des Wortes ist das, was die Erklärung der Bedeutung erklärt.“ D.h.: willst du den Gebrauch des Worts „Bedeutung“ verstehen, so sieh nach, was man „Erklärung der Bedeutung“ nennt (PU 560; vgl. PG 69). Wittgenstein scheint nicht nur vor substantiellen Antworten auf die philosophische Frage zurückzuschrecken, sondern vor allen Antworten. Ein vierter und letzter Punkt betrifft etliche der paar Sätze, die schließlich als echte Kandidaten für den Ausdruck substantieller philosophischer Behauptungen verbleiben: Sie sind in den ersten Entwürfen der sie umgebenden Passagen noch nicht enthalten. So enthielt weder die erste noch die zweite Maschinenschrift der Untersuchungen den Satz: „In dem Sinne, in welchem es für das Verstehen charakteristische Vorgänge (auch seelische Vorgänge) gibt, ist das Verstehen kein seelischer Vorgang“ (PU 154d). Wittgenstein fügte ihn erst später, handschriftlich, in das zweite Typoskript (TS 239) ein. Ähnlich steht es um seine bekannteste ‚These’ zum Regelfolgen: „Darum ist ‚der Regel folgen’ eine Praxis“ (PU 202). Die so genannte Zwischenfassung der Untersuchungen enthält zwar schon die vorigen und spätere Bemerkungen zum Regelfolgen (PU 198200 und 204ff.). Die vermeintliche Hauptthese fügte Wittgenstein aber erst in
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der Spätfassung (TS 227) ein. Wir dürfen ruhig annehmen, daß er mit diesen Bemerkungen zum Verstehen und Regelfolgen wichtige Einsichten formulierte. Ihre späte Einfügung legt aber nahe, daß es ihm in den entsprechenden philosophischen Untersuchungen in erster Linie um etwas anderes ging als den Nachweis dieser ‚Thesen’, daß er einen anderen Zweck verfolgte, der sich prinzipiell auch ohne das Aufstellen substantieller Behauptungen verfolgen läßt und den Wittgenstein über weite Strecken in der Tat ohne es verfolgte. Dies konfrontiert uns mit der entscheidenden Frage: Welchen Zweck? Dies ist der grundlegendere Teil des methodologischen Rätsels: Welche, ja: was für eine Art von, Aufgabe stellt sich Wittgenstein in seinem Spätwerk? 2. Wittgensteins therapeutisches Ziel Die Philosophischen Untersuchungen enthalten keine klare Antwort auf diese Frage, wohl durchaus gewollt: „Wenn dies Buch [gemeint sind in dieser Bemerkung vom Frühherbst 1938 wohl die Untersuchungen in ihrer zu diesem Zeitpunkt dem Abschluss entgegen gehenden Frühfassung] geschrieben ist, wie es geschrieben sein sollte, so muß, was ich sage, alles leicht verständlich, ja trivial sein, schwer verständlich aber, warum ich es sage“ (MS 117: 140-41). Diese wenig hilfreiche Einstellung manifestiert sich noch nicht im Big Typescript (aus dem Jahre 1933), dem wir uns deshalb nun zuwenden. In diesem Text spricht Wittgenstein wiederholt von der „Beunruhigung“ (BT 409, 415, 416, 421, 431) und „Unruhe“ (BT 431), die intellektuelle Probleme einem Denker bereiten können und ihm selber offensichtlich in hohem Maße bereitet haben. Wittgenstein unterscheidet zwei Arten solcher Unruhe: „die Beunruhigung, die davon herkommt, daß er [der Denker, der sich eine Frage stellte] die Wahrheit nicht wusste“ und eine „andere Beunruhigung“, die sich einstellt, wenn man nicht nur nicht weiß, welche von verschiedenen möglichen Antworten die richtige ist, sondern wenn einem nicht einmal mögliche Antworten einfallen wollen, man nicht einmal weiß, was für eine Art von Antwort einschlägig wäre (BT 414-15). Diese Art von Beunruhigung „wird durch die Worte ‚hier stimmt mir etwas nicht’ gekennzeichnet“ (BT 415). Die erste Art von Beunruhigung stellt sich bei nicht-philosophischen Problemen ein; Wittgenstein erläutert sie anhand eines Beispiels aus dem Maschinenbau. Die zweite Art von Beunruhigung ist demgegenüber für philosophische Probleme charakteristisch. Wittgensteins erklärtes Ziel ist es nun, diese zweite Art von Unruhe zu beseitigen. In der Tat; dies ist erklärtermaßen sein einziges Ziel: „Wie ich Philosophie betreibe, ist es ihre ganze [!] Aufgabe, den Ausdruck so zu gestalten, daß bestimmte Beunruhigungen [...] verschwinden.“ (BT 421) Das Ziel, eine bestimmte Art von intellektueller Unruhe zum Verschwinden zu bringen, bekräftigt Wittgenstein in den Jahren seiner abschließenden Arbeit an den Untersuchungen in einer nicht zur Veröffentlichung bestimmten Bemerkung: „Friede in den Gedanken. Das ist das ersehnte Ziel dessen, der philosophiert“ (1944; VB 511). Die im vorigen Abschnitt referierten Beobachtungen geben uns gute Gründe, diese
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Bemerkungen zu Wittgensteins Ziel und Aufgabenstellung vollkommen ernst zu nehmen. Dieses Ziel bzw. diese Aufgabenstellung verleiht Wittgensteins philosophischen Untersuchungen einen therapeutischen Charakter. Sogar beispielhafte Psychotherapien, wie kognitive Therapie oder rational-emotive Therapie beinhalten wesentlich den Austausch von Argumenten und die Bewertung von Evidenz (z. B., um zu ermitteln, ob der depressive Patient tatsächlich so unfähig ist, wie er zu sein glaubt, und ihm ggf. zu demonstrieren, daß seine Selbsteinschätzung unberechtigt ist).4 Argumente können ein zentrales therapeutisches Mittel sein. Was etwas zu einer Therapie macht, sind mithin nicht die (bloß vermeintlich ‚nicht-argumentativen’) Mittel, die verwendet, sondern die Ziele, die verfolgt werden. Für Therapie konstitutiv sind die Ziele der Beseitigung von Schmerz, Angst und Unruhe (der Lösung ‚emotionaler Probleme’) sowie der Ermöglichung funktionalen oder der Beendigung dysfunktionalen Verhaltens (der Lösung von ‚Verhaltensproblemen’). Im argumentativen Verfolg dieser Ziele können natürlich wichtige Tatsachen ermittelt und substantielle Einsichten erlangt werden. Therapeutische und ‚kognitive’ Ziele schließen einander also nicht aus. Statt dessen sind sie je verschieden gewichtet, und eine Unternehmung hat einen mehr oder weniger therapeutischen Charakter, je nachdem, welches Gewicht den therapeutischen Zielen zukommt. So sind die Anstrengungen des Psychotherapeuten rein therapeutisch: Zwar vermittelt er seinem depressiven Patienten substantielle Einsichten (etwa in die Mechanismen kognitiver Verzerrung, die diesen z. B. zu übertrieben negativer Selbsteinschätzung führen). Doch dies geschieht allein zu dem Zweck, dessen Niedergeschlagenheit und Lethargie zu vermindern. Demgegenüber haben die Anstrengungen des Maschinenbauers, ein technisches Problem zu lösen, das ihn nicht schlafen läßt, einen nur sehr leicht therapeutischen Charakter: Es geht dem Ingenieur zwar auch, aber nur sehr am Rande, darum, seinen Zustand schlafloser Unruhe zu beenden. Recht verstanden, ist die Behauptung, daß wissenschaftliche und philosophische Untersuchungen einen therapeutischen Aspekt, nämlich auch eine – mehr oder weniger zentrale – therapeutische Funktion haben können, mithin leicht verständlich und nachgerade trivial. Was Wittgensteins Aufgabenstellung demgegenüber schwer verständlich macht, ist (erstens) ihre Ausschließlichkeit und (zweitens) ihre Ausdrücklichkeit: Die ‚ganze’ oder einzige Aufgabe seiner philosophischen Arbeit soll es erklärtermaßen sein, Beunruhigungen zum Verschwinden zu bringen. Aber warum? Wenn ein sich tatsächlich stellendes Problem den Bearbeiter beunruhigt, kann er diese Beunruhigung nur dadurch beseitigen, daß er das sie verursachende Problem löst. Dann gibt es erstens für dessen Lösung in der Regel auch andere und wichtigere Motivationen als die, die eigene Unruhe zu beseitigen. (Typischerweise
4 Siehe z. B. Judith Beck, Cognitive Therapy, New York 1995, und Albert Ellis, Reason and Emotion in Psychotherapy, revised and updated, New York 1994.
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wird das Problem überhaupt nur als beunruhigend empfinden, wer solch andere Motivationen hat.) Und zweitens verschwindet die von einem Problem verursachte Unruhe ganz von alleine, sobald man des Rätsels Lösung weiß, so daß die therapeutische Funktion der Problemlösung nicht extra ausgewiesen werden muß. Die ausdrückliche Annahme einer ausschließlich therapeutischen Aufgabenstellung ist daher nur dann sinnvoll, wenn die in Frage stehende intellektuelle Unruhe nicht von einem Problem verursacht wird, das sich tatsächlich stellt und eine Lösung erheischt, sondern von einem bloß eingebildeten Problem herrührt: vom ungerechtfertigen Eindruck, einem Problem gegenüber zu stehen, wo in Wirklichkeit keines ist. In diesem Fall ist das einzige nicht bloß eingebildete Problem, dessen Behandlung gerechtfertigt ist, das ‚emotionale Problem’, das darin besteht, daß wir ohne guten Grund beunruhigt sind, also an einem Gefühl leiden, das erstens unangenehm und dysfunktional und zweitens ungerechtfertigt ist. (Zum Vergleich: Wenn ein Kind Angst hat, daß nächtens Monster eindringen, besteht kein Sicherheitsproblem, das von Wachleuten zu meistern wäre, sondern nur die Aufgabe, das Kind von seiner Angst zu befreien.) Die philosophischen ‚Probleme’, die Wittgenstein vor Augen hat, sind von dieser Art. Wir formulieren sie, so Wittgenstein, wenn wir Opfer charakteristischer Mißverständnisse sind, die uns Probleme vorspiegeln, wo keine sind (sozusagen ‚philosophische Monster’): Diese Mißverständnisse führen uns dazu, Fragen zu stellen, die zwar philosophische Probleme bloß zu formulieren scheinen, in uns aber trotzdem charakteristisch philosophische Beunruhigung auslösen. Wenn wir so grundlos beunruhigt sind, haben wir tatsächlich ein Problem, aber eines von einer ganz anderen Art als das philosophische, dessen Existenz wir uns bloß einbilden: Wir haben dann ein emotionales Problem. Dies sind die einzig echten Probleme, in die unsere Mißverständnisse uns hineinführen: „Die Probleme, die durch ein Missdeuten unserer Sprachformen entstehen [...] sind tiefe Beunruhigungen“ (PU 111, meine Hervorhebung). Deshalb besteht die Lösung von Problemen, die auf die von Wittgenstein skizzierte Weise entstehen, in der Beseitigung dieser Beunruhigungen. So setzt Wittgenstein die beiden im Big Typescript öfter en passant gleich und schreibt zum Beispiel: „Richtiger hieße es aber: Es werden Probleme gelöst (Beunruhigungen // Schwierigkeiten // beseitigt), nicht ein Problem“ (BT 431, vgl. BT 421). Um zu sehen, ob diese Gleichsetzung − und damit Wittgensteins ausdrückliche Übernahme einer rein therapeutischen Aufgabe − sinnvoll ist, möchte ich nun dreierlei untersuchen: was für Mißverständnisse uns wie zu philosophischen Fragen führen können, die Wittgenstein behandelte; inwiefern diese Fragen bloß Scheinprobleme formulieren; und wie diese uns beunruhigen.
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3. Falsche Analogien Im Mittelpunkt des Methodenkapitels des Big Typescripts steht eine spezifische Art von Mißverständnis: für philosophische Probleme konstitutive Mißverständnisse, die dadurch entstehen, daß wir uns nolens volens nach „irreführenden Analogien im Gebrauch unserer Sprache“ richten (BT 408). „Die philosophischen Probleme entstehen dadurch, daß man der Sprache die Zügel überläßt, statt ihrer praktischen Verwendung“ (VW 72), und sich, ohne es recht zu merken, „von gewissen Analogien in der Sprache leiten“ läßt (BT 427): von Gleichnissen, die – „in der Ausdrucksweise der Psychoanalyse“ formuliert – „im Unbewußtsein wirken“ (VW 68), Gleichnissen, die wir spontan und gedankenlos als erklärende Analogien betrachten. Philosophische Probleme entstehen, wenn diese Analogien „falsch“ sind (vgl. BT 409). Schritt für Schritt: (1) Bei philosophischen Überlegungen verlieren wir oft alle praktischen Zwecke aus den Augen. In der Tat; in solch abstrakter Reflexion werden oft überhaupt keine Zwecke bewußt verfolgt. Statt von Zwecken, die wir angeben könnten, lassen wir uns beim Philosophieren oft, ohne es recht zu merken, von „falschen Gedankengängen“ leiten, die von sprachlichen Ähnlichkeiten, Bildern, oder Gleichnissen ausgehen (vgl. BT 410). (2) Diese Gedankengänge, typisch knapp und uns unmittelbar einleuchtend, werden getrieben von einem charakteristischen „Trieb, das Arbeiten unserer Sprache mißzuverstehen“ (vgl. FF [98]), der uns wider besseres Wissen bestimmte Gedankensprünge machen läßt. (3) Diese Gedankensprünge führen uns von der Beobachtung einer sprachlichen Ähnlichkeit oder eines bloßen Gleichnisses zur impliziten Anerkennung einer erklärenden Analogie, die uns einleuchtet, obwohl sie „nicht stimmt“ (BT 408-9). (4) In der Tat, diese Analogie ist die „Quelle“ weiterer Gedanken, was wir freilich erst merken, sobald man uns die Analogie „darbietet“ (BT 410): Das in diesem Sinne ‚im Unbewußtsein wirkende’ und zur erklärenden Analogie aufgewertete Gleichnis nämlich „erzeugt einen falschen Schein; der beunruhigt uns: „Es ist doch nicht so!“ – sagen wir. „Aber es muß doch so sein!““ (FF [100]); vgl. BT 409). Mit anderen Worten: Im Banne der Analogie finden wir eine Auffassung überwältigend plausibel (‚Es muß so sein!’), von der wir zugleich wissen, daß sie falsch ist (‚Aber es ist doch nicht so!’). Solche Konflikte lösen die oben beschriebene, charakteristisch philosophische, Art von Beunruhigung aus und motivieren die Formulierung philosophischer Fragen. – Entwickeln wir diese aufeinander aufbauenden Punkte nun anhand eines Beispiels: anhand der Frage ‚Was ist Bedeutung?’, voll ausformuliert: ‚Was für eine Art von Ding ist Bedeutung / sind Bedeutungen?’. Sie ist repräsentativ für eine Art von philosophischer ‚Was ist...?’-Frage, nämlich für metaphysische (statt definitorischer) ‚Was ist ...?’-Fragen. (1) Nach der Bedeutung bestimmter Ausdrücke („No tocar!“, „Swap-Option“, „Bordüre“) fragen wir, wenn wir diese Sätze oder Wörter nicht verstehen. Das Verständnis, das wir anstreben, dient typischerweise praktischen Zwecken, die wir problemlos angeben könnten, wenn man wissen wollte, warum wir fragten.
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Mit der Frage „Was ist Bedeutung?“ fragen wir demgegenüber nicht nach der Bedeutung bestimmter Ausdrücke, sondern nach der von Ausdrücken allgemein – eine vollkommen andere Art von Frage.5 Diese stellen wir nicht, wenn und weil wir einen bestimmten Ausdruck nicht verstehen (anders als etwa ‚Was bedeutet „meaning“?’). „[D]ie Frage ‚was ist ...’ bezieht sich nicht auf einen besonderen – praktischen – Fall, sondern wir fragen sie von unserem Schreibtisch aus“ (BT 415-16). In der Tat: Wenn wir die Frage so stellen, haben wir durchaus Schwierigkeiten anzugeben, warum wir sie überhaupt stellen. Statt Zwecken, die wir bewußt verfolgen, leiten uns andere Motive, über die wir uns erst klar werden müssen. Diesen Motiven kommen wir auf die Spur, wenn wir uns ein klein wenig klarer darüber werden, was wir überhaupt wissen wollen. Wir wollen wissen, was für eine Art von Ding denn Bedeutungen sind. Wittgenstein zufolge stellen wir solche metaphysischen Fragen, wenn wir Gleichnisse, die „in die Formen unserer Sprache aufgenommen“ sein können (FF [100], meine Hervorhebung), zu ernst oder wörtlich nehmen, etwa: als erklärende Analogie betrachten. So kann zum Beispiel die Tatsache, daß „verstehen“ ein Tätigkeitswort ist, uns suggerieren, daß Verstehen eine Tätigkeit sein muß – da keine körperliche Tätigkeit, wohl ein seelischer Vorgang wie Kopfrechnen (FF [136]d). Und ähnlich „wie uns das Substantiv ‚Zeit’ ein Medium vorspiegeln kann“ (FF [100]), kann uns die Beobachtung (B0) „Bedeutung“ ist ein Substantiv wie „Tisch“, „Stuhl“ und „Brot“ (vgl. FF [1]). suggerieren, daß die Bedeutung eines Ausdrucks ein Ding wie ein Brot oder Tisch sein muß. Sobald wir bemerken, daß Bedeutungen, anders als Brote und Tische, weder aus Mehl oder Holz (oder sonst was) gemacht sind noch in der Küche (oder sonst wo) herumliegen oder -stehen, sprich: keine materiellen und räumlichen Gegenstände sind, wollen wir wissen, was für eine Art von Gegenstand sie denn dann sind. Dieser Gedankengang, und erst er, motiviert die Frage. (2) In zweckfreier Überlegung sind wir geneigt, zumindest Substantiven – „Hauptwörtern“, der Rest „wird sich finden“ (BT 25, vgl. FF [1]) – stillschweigend eine bestimmte ‚Arbeitsweise’ zu unterstellen, nämlich systematisch Gedankesprünge zu machen mit der impliziten Voraussetzung (V) Substantive (Nomina) dienen (i) zum Benennen von Gegenständen und erhalten (ii) ihre Bedeutung durch den zeigenden Bezug auf die benannten Gegenstände, durch hinweisende Erklärung. (Poetischer: „das Benennen [ist] Um und Auf der Sprache“ (BT 25), ihr Zweck und Fundament.)
5 Vgl. etwa John Langshaw Austin, „The Meaning of a Word“, wiederabgedruckt in: Philosophical Papers, Oxford 31979, 55-75.
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Zugleich wissen wir, daß – pace (i) – Substantive nicht bloß zum Benennen von Gegenständen verwendet werden, geschweige denn bloß zum Benennen von Gegenständen, auf die man zeigen kann: Jeder kompetente Sprecher kann sie auf sehr viele verschiedene Weisen, zu sehr vielen verschiedenen Zwecken gebrauchen (vgl. BT 28). Und – pace (ii) – ist eine hinweisende Erklärung natürlich nur dann verständlich, wenn klar ist, was für eine Art von Wort erklärt oder auf welche Eigenschaften des Gegenstandes hingewiesen wird: „Der gleiche Hinweis [etwa: ‚Das sind drei rote Kreise’] könnte ein Zahlwort, ein Formwort, ein Farbwort, etc. erklären“ (PG 61). Allein durch hinweisende Erklärung erhält kein Wort die Bedeutung, die es tatsächlich hat. Wenn wir systematisch wider besseres Wissen Gedankensprünge unter Voraussetzung von (V) machen und die Sätze, zu denen wir so springen, plausibel finden, kann man unsere Neigung, solche Sprünge (mit) zu machen, treffend bezeichnen als ‚Trieb, das Arbeiten unserer Sprache mißzuverstehen’. Ein solcher Gedankensprung ist das Herzstück des obigen Gedankenganges. Er führt uns von der Beobachtung (B0) zu einem Satz, der uns trotz Sinnlosigkeit (nämlich trotz des nachstehend erläuterten Kategoriefehlers) einleuchtet: Unter der Voraussetzung „Die Wörter der Sprache benennen Gegenstände“, springen wir zu der „Idee: Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht“ (vgl. FF [1]). Also: Die Bedeutungen von ‚Brot’ und ‚Stuhl’ sind Brote und Stühle. Genauer: Aus der Beobachtung (B0) und Teil (i) der stillschweigenden Voraussetzung (V) folgt: (A0) Das Wort „Bedeutung“ benennt Gegenstände, so wie „Brot“, „Stuhl“ und „Tisch“ Brote und Möbelstücke benennen. So wie der Ausdruck „der Vater von Ralph“ dazu dient, einen bestimmten Mann aus Fleisch und Blut zu bezeichnen, sagen wir Herrn Müller, so müssen die Ausdrücke „die Bedeutung von ‚Stuhl’“ und „die Bedeutung von ‚Brot’“ dazu dienen, bestimmte Gegenstände zu bezeichnen, nennen wir sie ‚Bedeutungen’. Wenn nun ferner – Teil (ii) der Voraussetzung – Wörter ihre Bedeutung dadurch erhalten, daß man ihnen zeigend Gegenstände zuordnet, die sie bezeichnen, dann müssen diese Dinge wohl jene Bedeutungen sein: (A1) Bedeutungen sind die zeigbaren – materiellen und räumlichen – Gegenstände, die von den Wörtern bezeichnet werden. (3) Indem wir von der Beobachtung einer bloß formalen Ähnlichkeit – (B0) – zu einer substantiellen Behauptung – (A1) – springen, akzeptieren wir eine Analogie, die uns vor weiterer Überlegung unmittelbar einleuchtet. Die Voraussetzung (V) trifft nämlich durchaus, aber auch nur auf ganz bestimmte, besonders einfache Fälle zu. So können wir etwa einen Menschen (oder einen Hund) trainieren, uns auf Zuruf Gegenstände zu bringen, auf die wir vorher bei Aussprechen des Wortes gezeigt haben. In einem solchen Apportierspiel werden Wörter nur dazu gebraucht, um die Dinge zu benennen, die gebracht werden sollen. Und wenn
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lediglich eine Ordnungskategorie verwendet, etwa nur auf die Form oder nur auf die Farbe der Gegenstände abgestellt wird, kann diese einfache Verwendung durch hinweisende Erklärung allein erklärt werden, so daß wir sagen können, daß die Wörter in diesem Spiel ihre Bedeutung durch hinweisende Erklärung erhalten: Nehmen wir etwa an, ich wollte aus Bausteinen, die mir ein Anderer zureichen soll, ein Haus aufführen, so könnten wir erst ein Übereinkommen dadurch treffen, daß ich auf einen Stein zeigend sagte ‚das ist eine Säule’, auf einen anderen zeigend ‚das heißt Würfel’, − ‚das heißt Platte’ usw. (BT 25, vgl. FF 1). Wenn wir in der beschriebenen Weise von (B0) zu (A1) springen, betrachten wir die Verwendung von „Bedeutung“ als einer solchen einfachen Verwendung von „Brot“ und „Stuhl“, „Platte“ und „Säule“ analog, und zwar in einem recht präzisen Sinne (den sich das englische „analogy“ vielleicht stärker erhalten hat als das deutsche Wort): A und B sind analog bzw. es besteht eine Analogie zwischen A und B genau dann, wenn A und B einander in Hinsichten ähnlich sind, die es ermöglichen, etwas an A durch Vergleich mit B zu erklären. Wir sprangen zunächst von der Beobachtung (B0) der gemeinsamen Substantivform von „Bedeutung“ einerseits und „Brot“ und „Stuhl“ andererseits, zu der Annahme der Ähnlichkeit ihrer Funktion: (A0) Sie alle benennen Gegenstände. Dabei denken wir sofort an Gegenstände, auf die man zeigen kann, wie Brote und Stühle. Es leuchtete uns dann unmittelbar ein, diese (vermeintliche) Funktionsgleichheit von „Bedeutung“ und „Stuhl“ heranzuziehen, um zu erklären, wie „Bedeutung“ zu seiner Bedeutung kommt. Wir denken dabei allein an hinweisende Erklärungen wie sie in Apportierspielen wie dem der Bauenden gegeben werden. So wie die Bezeichnungen der zu bringenden Gegenstände in diesem Spiel durch hinweisende Erklärung ihre Bedeutung erlangen, so auch das Wort „Bedeutung“: dadurch, daß man auf die Bedeutungen zeigt, die der Ausdruck benennt. Mit anderen Worten: (A1) Die Bedeutung eines Wortes ist der zeigbare Gegenstand, den es bezeichnet. Der Vollzug des beschriebenen Gedankensprunges ist mithin äquivalent mit der stillschweigenden Akzeptanz dieser (vermeintlichen) Analogie: (VB) „Bedeutung“ funktioniert wie „Brot“ und „Platte“ in Apportierspielen: benennt wie diese Gegenstände und erhält wie diese seine Bedeutung durch zeigende Zuordnung. Dies ist eine besondere, und besonders wichtige, Instanz dieser allgemeineren Analogie: (VA) Substantive funktionieren wir „Brot“ und „Platte“ in Apportierspielen ... Diese Analogie erkennen wir implizit in genau dem Umfang an, in dem wir die Neigung bzw. den ‚Trieb’ haben, Gedankensprünge mit Voraussetzung (V) zu
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machen und von der bloßen Beobachtung der Substantivform eines Wortes zu der Annahme zu springen, daß es materielle, räumliche Dinge, oder so etwas wie materielle, räumliche Dinge bezeichnet. Solchen Gedankensprüngen wird durch die Akzeptanz der spezifischen Analogie (VB) Vorschub geleistet: Diese läßt uns die Behauptung (A1) plausibel erscheinen, die impliziert, daß alle Wörter, die eine Bedeutung haben, Gegenstände bezeichnen, auf die man zeigen kann. So läßt die spezifische Analogie die allgemeine plausibel erscheinen und verstärkt die Neigung, Gedankensprünge unter Voraussetzung von (V) zu machen. (4) „Ein Gleichnis, das in die Formen unserer Sprache aufgenommen ist, erzeugt einen falschen Schein“ (FF [100]): Wenn wir stillschweigend die Analogie (VB) anerkennen, springen wir von der bloßen Beobachtung der gemeinsamen Substantivform zu einer absurden philosophischen Behauptung, (A1), die wir gerade auch dann intuitiv plausibel finden, wenn wir vorsichtig sind und sie nicht ausdrücklich akzeptieren (daher: „falscher Schein“, statt „falsche Überzeugung“). Auch dann beunruhigt uns ihr Konflikt mit hausbackenen Beobachtungen, denen wir uns nicht entziehen können, wie zum Beispiel: (B1) Es stimmt zwar, daß wir „zur Erklärung der Bedeutung auf den Gegenstand, den der Name vertritt [zeigen] [...] aber dieser Gegenstand ist nicht ‚die Bedeutung’, obwohl sie durch das Zeigen auf den Gegenstand bestimmt wird“ (BT 32). „Wir verstehen unter ‚Bedeutung des Namens’ nicht den Träger des Namens“ (BT 31). Anders als den vom Wort bezeichneten Gegenständen, schreiben wir der Bedeutung von „Tisch“ weder eine räumliche Position, noch ein Material zu, und würden solche Zuschreibungen (wenn vielleicht auch mit anderen Worten) als Kategoriefehler zurückweisen. Wenn zwei Seelen in unserer Brust wohnen, wir einerseits (B1) zugeben müssen, aber andererseits (A1) überwältigend plausibel finden, haben wir ein Problem der von Wittgenstein beschriebenen Art: sind hin- und hergerissen zwischen der Einsicht ‚Es ist doch nicht so!’ und dem Eindruck ‚Aber es muß doch so sein!’ Ernsthaft stellen wir uns eine Frage nur, wenn wir nicht schon meinen, die Antwort zu wissen. So fragt sich ‚Was für eine Art von Ding sind Bedeutungen?’ typischerweise nur, wer (A1) nicht als die richtige Antwort akzeptiert, die Gleichsetzung von Bedeutungen und Gegenständen, auf die man zeigen kann, in Anbetracht von Beobachtungen wie (B1) nämlich zurückweist, aber weiterhin intuitiv so plausibel findet, daß er, wenn nicht die Gleichsetzung, so doch den Vergleich der beiden ernst nimmt: Bedeutungen sind Gegenstände wie die materiellen, räumlichen Dinge, auf die wir bei hinweisenden Erklärungen zeigen, wenngleich Gegenstände von einer anderen Art. Also: Von welcher Art? Viele, die diese Frage stellen, finden sie wichtig und beunruhigend, ohne – so unser Punkt (1) – selber sofort angeben zu können, warum dem so ist. Wer dann, sobald ihm dieser – von Punkten (2) bis (4) ausgeführte – Gedankengang darge-
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boten wird, ihn und die ihn tragende Analogie als „Quelle seines Gedankens“ bzw. Motivation seiner Frage „anerkennt“, der hat sich – so wohl Wittgensteins Grundidee – nach dieser Analogie gerichtet, ohne es zu merken (vgl. BT 410). Sie „wirkte“ dann „im Unbewußtsein“ (VW 68). Um mit Wittgensteins Worten zusammenzufassen: „Die Wirkung einer in die Sprache aufgenommenen falschen Analogie: Sie bedeutet einen ständigen Kampf und Beunruhigung (quasi einen ständigen Reiz).“ (BT 409) Wir betrachteten die (vermeintliche) Analogie zwischen der Verwendung und Erklärung von „Bedeutung“ und anderen Substantiven, die in einem Apportierspiel zu bringende Gegenstände bezeichnen. Diese Analogie ist ‚falsch’, in dem – durchaus strengen und objektiven – Sinne, daß die vermeintlich analogen Substantive gerade in den Hinsichten radikal verschieden sind, in denen sie einander ähnlich sein müßten, um die ins Auge gefaßten Erklärungen zu ermöglichen: Wie „Bedeutung“ zu seiner Bedeutung kommt, können wir nur dann durch Vergleich mit den hinweisenden Erklärungen von „Brot“ und „Platte“ erklären, denen diese Wörter (in Apportierspielen) ihre Bedeutung verdanken, wenn „Bedeutung“ erstens zur Bezeichnung von Dingen verwendet wird und zwar zweitens, von Dingen, auf die man zeigen kann wie auf ein Brot oder Bauteil. Dies kann man nur, wenn dies ‚etwas’ materiell oder zumindest räumlich ist. Aber wir bemerkten sofort, daß Bedeutungen und Brote in genau diesen Hinsichten so verschieden wie nur möglich sind: Sie sind nicht einfach zu transparent oder weit entfernt, als daß man auf sie zeigen könnte – wir betrachten die Zuschreibung einer räumlichen Position oder eines Materials als Kategoriefehler. Und davon abgesehen reden wir von der ‚Bedeutung’ eines Wortes nicht, um irgendwas zu bezeichnen, sondern um zu erklären, wie das Wort zu gebrauchen ist. Stärker als (VB) kann eine vermeintliche Analogie kaum versagen. Doch wir haben einen Trieb, das Arbeiten unserer Sprache mißzuverstehen, und die bloße Tatsache, daß „Bedeutung“ ein Substantiv ist, ‚reizt’ uns wieder und wieder dazu, „Bedeutung“ Denotate, anfangs: physische Denotate, zuzuschreiben. Der Konflikt (oder innere ‚Kampf’) zwischen dem Drang, die Verwendung von „Bedeutung“ und elementare Verwendungen physischer Begriffe als analog zu betrachten, und dem Wissen, daß dies gerade in den Hinsichten, auf die es uns dabei ankommt, nicht geht, versetzt uns in einen Zustand der Beunruhigung und läßt uns – unter anderem – fragen: ‚Was (für eine mysteriöse Art von Ding) ist Bedeutung?’ Wir werden sehen, daß diese und verwandte Fragen nur Scheinprobleme formulieren, so daß nur die Beunruhigung als therapeutisch zu behandelndes – emotionales – Problem bleibt.
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4. Philosophische Scheinprobleme Um zu erklären, inwiefern diese Fragen ‚Scheinprobleme’ formulieren, müssen wir uns für einen Moment vom Wittgensteinschen Text lösen. Viele philosophischen Probleme lassen sich als Vereinbarungsprobleme auffassen: Zwei Annahmen, die ein Philosoph gleichermaßen plausibel findet, scheinen einander zu widersprechen. Sein Problem besteht darin, die beiden miteinander zu ‚vereinbaren’, also zu zeigen, daß sie miteinander kompatibel sind, und den Eindruck einer ‚Spannung’ zwischen ihnen zu beseitigen. Oft werden solche Probleme formuliert in Anbetracht eines Konflikts zwischen einer philosophischen Behauptung und Trivialitäten oder hausbackenen Beobachtungen, die deren Vertreter nicht abstreiten können oder wollen. Viele Probleme der Erkenntnistheorie und Metaphysik sind von dieser Art. So scheinen die erkenntnistheoretische Doktrin, daß wir nichts als immaterielle Sinnesdaten wahrnehmen, und die metaphysische Doktrin, daß es − streng genommen − nichts als solche Sinnesdaten oder ‚Ideen’ gibt, üblichen − und großteils trivialen − Überzeugungen über Tische und Stühle und unsere Wahrnehmung derselben zu widersprechen sowie der offensichtlichen Tatsache, daß wir uns vermittels des ‚Vokabulars materieller Gegenstände’ bzw. ‚physischer Begriffe’ erfolgreich verständigen. So werfen diese Doktrinen Probleme auf wie dieses ‚Problem des Bezugs physischer Begriffe’: Wie können wir uns verständigen vermittels von Begriffen, die vorgeblich auf öffentliche, materielle Gegenstände Bezug nehmen, wenn wir damit doch bloß auf private, immaterielle Sinnesdaten Bezug nehmen können (da ja, laut philosophischer Doktrin, wir nichts anderes wahrnehmen können, oder es nichts anderes gibt)?6 Wer in dem von uns oben besprochenen Fall die philosophische Behauptung (A1) tatsächlich vertritt und Beobachtung (B1) nicht abstreiten mag, steht vor einem Problem der gleichen Struktur, einem offenen Vereinbarungsproblem: dem Problem, zwei Annahmen, die er ausdrücklich vertritt, miteinander zu vereinbaren. Die Frage ‚Was für eine Art von Ding sind Bedeutungen?’ stellt demgegenüber typischerweise, wer (A1), also die Gleichsetzung von Bedeutungen und materiellen Gegenständen, ausdrücklich zurückweist, aber es – etwa im Banne der Analogie (VB) – überwältigend plausibel findet, Bedeutungen mit materiellen Dingen zu vergleichen, und zwar gerade auch in Hinsicht auf Räumlichkeit und Materialität. Zur Illustration: Wenn wir „Ding“ bloß als bisweilen von den Regeln des Satzbaus gefordertes Füllwort behandeln, können wir durchaus sagen, daß die Bedeutung eines Ausdrucks ein ‚intersubjektiv zugängliches Ding’ ist, nämlich vielen verschiedenen Menschen gleichermaßen bekannt, oder daß es ‚in der Zeit ausgedehnt ist’: Viele Wörter werden schließlich für eine bestimmte Zeit in einer, dann in einer anderen Bedeutung verwendet, haben also diese oder jene Bedeutung für eine bestimmte Zeit – nach der vielleicht gar kein Ausdruck mehr
6 Siehe z.B. Alfred Jules Ayer, The Foundations of Empirical Knowledge, London 1940, 244.
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diese Bedeutung hat. Unsere jetzige Frage stellt, wer erstens solche Vergleiche als zu kurz gegriffen oder mysteriös betrachtet: wer entweder zu sagen geneigt ist, daß Bedeutungen doch auch gleichsam räumlich und materiell sein müssen, oder meint, daß die obigen Charakterisierungen dies implizieren (wer etwa zeitliche als quasi-räumliche Ausdehnung auffaßt). Die Frage stellt, wer zweitens gleichzeitig weiß, daß er Bedeutungen nicht im üblichen Sinne die Eigenschaften, auf die es ihm so ankommt, zubilligen kann: weder Räumlichkeit noch Materialität. Hier besteht kein Konflikt zwischen zwei Annahmen, die der Problemsteller ausdrücklich vertritt, sondern zwischen einem Vergleich, der ihm intuitiv einleuchtet, und der Tatsache, daß die Vergleichsobjekte in genau den Hinsichten, auf die es ihm ankommt, verschieden sind. Ein solcher Konflikt gibt uns das Problem auf, den Vergleich so zu entwickeln, daß er mit der anerkannten Tatsache vereinbar ist. Da der problemkonstitutive Vergleich selten explizit gemacht wird, möchte ich dies ein ‚verdecktes Vereinbarungsproblem’ nennen. Die Frage ‚Was für eine Art von Ding sind Bedeutungen?’, so meine Hypothese, artikuliert in der Regel ein solches Problem. Zunächst unklare Fragen erhalten bisweilen im Prozeß ihrer Beantwortung einen bestimmteren Gehalt. Wir können die jetzige Hypothese daher durch Betrachtung üblicher Antworten auf unsere Frage erhärten. Die meisten dieser Antworten fallen (zumindest bis ins zwanzigste Jahrhundert) in zwei Gruppen, sind Variationen eines zweier Themen: (A2) Bedeutungen sind ätherische Gegenstände. (A3) Bedeutungen sind mentale Gegenstände (z. B. Vorstellungsbilder). Diese Behauptungen lassen sich auffassen als Resultat einer eigentümlichen Umdeutung des zurückgewiesenen Ausgangspunktes (A1), die man treffend als ‚Sublimierung’ bezeichnen könnte: Der Satz wird umgedeutet, indem seine Kernbegriffe, „materiell“ und „räumlich“, nicht wörtlich, sondern in einem übertragenen Sinne genommen werden. Durch Verwendung eines je anderen solchen Sinnes erhält man aus (A1) entweder (A2) oder (A3). (A2) nimmt einen übertragenen Sinn in Anspruch, ohne ihm Gehalt zu verleihen: Wir sprechen von ‚ätherischen Gegenständen’, wenn wir sagen wollen, daß die ‚Gegenstände’, um die es uns geht, gleichsam in einem anderen als dem physischen Raum existieren, gemacht aus einem anderen als materiellem Stoff (noch flüchtiger als Gas oder Luft), also: daß sie materiell und räumlich sind, aber in einem übertragenen Sinne – den wir freilich typischerweise nicht näher erläutern können. (A3) spricht von ‚Gegenständen’, die ‚im Geiste’ bestehen, also ‚in einem Raum’ in einem übertragenen Sinne, der uns aus der Alltagssprache vertraut ist: Redewendungen wie „Der Gedanke ging mir durch den Kopf“, „Hoffnung stieg in ihm empor“, „Wut brach aus ihm heraus“, „Ein (Vorstellungs-) Bild trat vor mein inneres Auge“, und viele mehr, enthalten die Metaphorik des ‚inneren Raumes’. Da diese Ausdrücke eine wohlbestimmte Anwendung auf spezifische Fälle haben, können wir einschlägige ‚mentale Gegenstände’ auch in klarem Deutsch angeben: Vielen Philosophen zufolge sind Bedeutungen Vorstellungsbilder der von
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den Wörtern bezeichneten Dinge, Bilder, auf die man zwar nicht mit dem Finger, aber ‚im Geiste’ zeigen, nämlich seine Aufmerksamkeit richten kann, um so diese Bedeutungen den Wörtern zuzuordnen. Die Ausgangsfrage wurde so beantwortet durch mehr – (A3) – oder weniger – (A2) – gehaltvolle Anführung von ‚Dingen’, die in einem übertragenen Sinne zumindest ‚räumlich’ und entweder ‚materiell’ oder ‚zeigbar’ sind. Philosophen, die nicht sagen wollen, daß Bedeutungen dies in einem wörtlichen Sinne sind, versuchen so, den Vergleich von Bedeutungen und Gegenständen, auf die man zeigen kann, in einer Weise auszuführen, die mit ihrer Weigerung vereinbar ist. Die Frage wurde mithin von vielen Philosophen als Ausdruck eines verdeckten Vereinbarungsproblems behandelt. Es ist erhellend, die Entwicklung dieses verdeckten mit einer üblichen Lösung eines offenen Vereinbarungsproblems zu vergleichen. Auf wirkliche und vermeintliche Konflikte zwischen einer von ihnen ausdrücklich vertretenen Doktrin und hausbackenen Beobachtungen reagieren Philosophen oft mit der Umdeutung dieser Beobachtungen. So reagierten etwa Phänomenalisten auf das oben umrissene Problem des Bezuges physischer Begriffe durch Vorschlag einer Bedeutungsanalyse, der zu Folge unsere üblichen Aussagen über materielle Gegenstände in Wirklichkeit Aussagen darüber sind, was für Sinnesdaten wir unter was für Bedingungen haben, haben werden und haben würden. Die Frage ‚Was für eine Art von Gegenstand sind Bedeutungen?’ stellt, wer auf den Konflikt zwischen (A1) und (B1) spontan statt überlegt mit dem Wunsch nach Umdeutung nicht der hausbackenen Beobachtung, sondern der philosophischen Behauptung reagiert. Diesem Wunsch wird dann nicht durch logisch-semantische Analyse, sondern durch Ausweichen auf Metaphern entsprochen. Wir könnten sagen: Das verdeckte Vereinbarungsproblem entsteht durch spontane Sublimierung eines offenen. Die Akzeptanz falscher Analogien kann uns systematisch in Vereinbarungsprobleme beiderlei Art hineinführen: Die Formulierung aller in diesem Abschnitt besprochenen Probleme kann ein Symptom des im letzten Abschnitt entwickelten Konflikts sein, des inneren ‚Kampfes’ zwischen dem Drang, die Verwendung von „Bedeutung“ als einer ‚einfacheren Sache’ analog zu betrachten, und dem Wissen, daß dies gerade in den Hinsichten, auf die es uns dabei ankommt, nicht geht. Im Einzelnen: Die direkteste Anwendung der Analogie (VB), die wörtlichste Interpretation von „Gegenstand“ und „zeigen“, führt uns zur Behauptung (A1) und dem Problem, sie mit trivialen Beobachtungen – wie (B1) – zu vereinbaren. Die Zurückweisung der Behauptung unter stillschweigender Beibehaltung der uns leitenden Analogie führt uns in ein verdecktes Vereinbarungsproblem: das Problem, den Vergleich von Bedeutungen und räumlichen Gegenständen in einer Weise zu entwickeln, die uns befriedigt, nämlich einerseits die von uns anerkannten Trivialitäten nicht in Abrede stellt, aber andererseits unserer Analogie – zwangsläufig: durch andere als wörtliche Interpretation – Gehalt verleiht. Da die Analogie aber fundamental falsch ist, wird uns dies
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entweder zu gehaltlosen Verlegenheitslösungen – wie (A2) – führen oder zu Annahmen, die – wie (A3) – ihrerseits in Konflikt mit vertrauten Tatsachen stehen: Verschiedene Sprecher verwenden Wörter in der gleichen Bedeutung; Bedeutungen sind intersubjektiv zugänglich und werden öffentlich geteilt. Dies macht zwischenmenschliche Verständigung erst möglich. Wie kann also Verständigung möglich sein, wenn Bedeutungen doch bloß subjektiv zugängliche, private Vorstellungsbilder sind? All diese Probleme lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Das Problem besteht jeweils darin, die uns leitende Analogie mit den von uns anerkannten Tatsachen zu vereinbaren. Es ist, ob offen oder verdeckt, ein ‚Analogie-Vereinbarungsproblem’. Ein vermeintliches Problem kann in dem hausbackenen, aber philosophisch bislang vernachlässigten Sinne ein ‚Scheinproblem’ sein, daß wir kein Recht zu der Annahme haben, daß es sich tatsächlich stellt. Dieser Idee läßt sich ein besonders präziser Gehalt geben im Falle von offenen Vereinbarungsproblemen: Wir haben das Recht anzunehmen, daß sich ein solches Problem tatsächlich stellt, dann und nur dann, wenn wir zwei einander scheinbar widersprechende Annahmen nicht nur ‚irgendwie einleuchtend’ finden, sondern zu ihnen auch aufgrund von einschlägigen Gründen, Argumenten, Beobachtungen oder Belegen berechtigt sind. Wer über nichts dergleichen verfügt, der bildet sich ein Problem ein, wo er kein Recht hat, eines anzunehmen. Ein Analogie-Vereinbarungsproblem, ob offen oder verdeckt, kann (auch) in einem analogen Sinne ein Scheinproblem sein: wenn uns nämlich nichts das Recht zu der Annahme gibt, daß die problemkonstitutive Analogie richtig und nicht – im oben erklärten Sinne – falsch ist. Dieses Recht fehlt uns stets dann (aber nicht nur dann), wenn wir eine tatsächlich falsche Analogie spontan und grundlos akzeptieren. Dies passiert etwa, wenn wir (VB) allein aufgrund der Substantivform von „Bedeutung“ akzeptieren, getrieben von dem Trieb, Gedankensprünge unter stillschweigender Voraussetzung der Annahme (V) zu machen, um deren Falschheit wir wissen. Wenn sie allein auf dieser Grundlage formuliert werden, sind alle hier entwickelten Vereinbarungsprobleme Scheinprobleme. Allgemein: Wo uns nur ein Trieb, das Arbeiten unserer Sprache mißzuverstehen, falsche Analogien in diese hineinprojizieren läßt, bilden wir uns die sich daraus ergebenden Vereinbarungsprobleme grundlos ein und stehen Scheinproblemen gegenüber. 5. Philosophische Beunruhigung Der innere Kampf, der sich in der Formulierung dieser Scheinprobleme ausdrückt, erzeugt zugleich Gefühle intellektueller Unruhe, die genau die beiden Eigenschaften haben, die laut Wittgenstein für philosophische Beunruhigung charakteristisch sind: Unruhe, deren charakteristischer Ausdruck die Worte „hier stimmt mir etwas nicht“ sind, und die sich besonders stark bemerkbar macht in Anbetracht der Schwierigkeit, auch bloß auf möglicherweise einschlägige Antworten zu kommen (vgl. BT 414-15). Wir fragen ‚Was für eine Art von Ding sind Bedeutungen?’, sobald wir in Anbetracht des Konflikts zwischen (A1) und
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hausbackenen Beobachtungen die philosophische Behauptung sublimieren, und zwar Bedeutungen mit Gegenständen, auf die wir zeigen können, ‚bloß’ vergleichen wollen, doch zugleich wissen, daß unsere Vergleichsobjekte gerade in den Hinsichten, auf die es uns ankommt, vollkommen verschieden sind. Wenn wir diesen Konflikt zwischen Wollen und Wissen verspüren, haben wir den Eindruck: ‚hier stimmt mir etwas nicht’. Derselbe Konflikt spiegelt sich in Anforderungen an Antworten auf unsere Frage, Anforderungen, die unter einer intuitiven Zusatzannahme inkonsistent sind und so jegliche mögliche Antwort ausschließen: (i) Die Antworten sollen Bedeutungen als in einem gehaltvollen Sinne ‚materiell’ und ‚räumlich’ charakterisieren. (ii) Die Antworten dürfen Bedeutungen nicht als im wörtlichen Sinne ‚materiell’ und ‚räumlich’ charakterisieren. Diese Anforderungen sind inkonsistent, wenn wir obendrein bloß den wörtlichen, ‚physischen’ Sinn von „materiell“ und „räumlich“ als gehaltvoll akzeptieren: wenn wir etwa die Rede von ‚ätherischen’ oder ‚mentalen Gegenständen’ als luftig-mysteriös ablehnen. Wenn uns dann keine auch bloß möglicherweise einschlägige Antwort einfallen will, liegt das nicht an unserer Einfallslosigkeit, sondern hat tiefere Gründe: Es liegt dann an unserer impliziten Anerkennung inkonsistenter Anforderungen, die jede Antwort, die uns einfallen könnte, von vornherein ausschließen. Allgemeiner und in Wittgensteins Worten formuliert, spiegelt sich der grundlegende Konflikt zwischen der falschen Analogie, die uns einleuchtet, und den Tatsachen, die wir ebenfalls akzeptieren, darin, daß wir unsere philosophische Frage und deren Antworten einerseits „respektieren zu müssen glauben“, aber andererseits mit ihnen „nichts anzufangen wissen“. Deshalb beunruhigen uns diese Sätze (BT 416). Mit der Frage können wir zunächst in dem starken Sinne ‚nichts anfangen’, daß unsere impliziten Anforderungen alle möglichen Antworten ausschließen; wir haben dann den beunruhigenden Eindruck eines unlösbar tiefen Rätsels, solange wir glauben, den Satz als Bitte um eine Antwort ‚respektieren’ zu müssen, also glauben, daß er eine Antwort haben muß. (A1) beunruhigt uns, wenn wir den Satz als Ausdruck einer gehaltvollen Aussage ‚respektieren’ zu müssen glauben, wir aber gleichzeitig an der etablierten Sprech- und Denkweise festhalten, der (B1) verhaftet ist, und der zu Folge es ein Kategoriefehler ist, wie (A1) Bedeutungen Material und räumliche Position zuzuschreiben. Weshalb wir mit diesem Satz nichts ‚anfangen’ können, ihn nämlich nicht als Ausdruck einer gehaltvollen Aussage akzeptieren dürfen. (A2) beunruhigt uns, da wir ihn aus verwandten, aber distinkten Gründen nicht als Ausdruck einer gehaltvollen Aussage ‚respektieren’ können: Wir können nämlich nicht einmal in gröbsten Zügen erläutern, worin die quasi-Materialität und -Räumlichkeit ätherischer Gegenstände bestehen soll, den Vergleich nicht ausführen, können unserer ‚Aussage’ keinen Gehalt verleihen – und in diesem Sinne nichts mit dem Aussagesatz ‚anfangen’. (A3) involviert wiederum einen Kategoriefehler, wenn-
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gleich einen andern als (A1): Es macht unserer üblichen Denk- und Sprechweise zufolge Sinn zu sagen, daß verschiedene Menschen dieselbe Bedeutung eines Wortes kennen (und dieselbe andere Bedeutung nicht), aber nicht, daß verschiedene Menschen dasselbe (statt: das gleiche) Vorstellungsbild haben. So beunruhigen uns diese verschiedenen Sätze, gerade weil sie auf verschiedene Weisen ‚sinnlos’ sind – ein Tadel, dem in verschiedenen Fällen verschiedener Gehalt zukommt, ohne daß sich, so Wittgenstein, eine erhellende allgemeine Erläuterung geben ließe (VW 498f.). Also: Wenn wir im Banne einer falschen Analogie ohne Berechtigung zu den problemkonstitutiven Annahmen ein Vereinbarungsproblem formulieren, haben wir es erstens mit einem philosophischen Scheinproblem zu tun, haben in der Regel aber zweitens zugleich ein echtes Problem, wenn auch eines von einer ganz anderen Art als das, dessen Existenz wir uns einbilden: Wir leiden grundlos an spezifisch philosophischer Beunruhigung, haben mithin ein emotionales Problem. Dieses Problem zu lösen heißt, die philosophische Beunruhigung zum Verschwinden zu bringen. In Anbetracht von philosophischen Scheinproblemen wie dem hier besprochenen stellt sich mithin wirklich bloß die therapeutische Aufgabe, die Wittgenstein als seine „ganze Aufgabe“ bezeichnet (BT 421). Diese Aufgabe ist in den von uns besprochenen Fällen dadurch zu lösen, daß man den Philosophen zur Aufgabe der falschen Analogie bewegt, deren Konflikt mit den Tatsachen ihn erst sinnlose Fragen und dann sinnlose Antworten formulieren läßt und durchweg Gefühle der Beunruhigung erzeugt: „Das Seltsame an der philosophischen Beunruhigung und ihrer Lösung“, schreibt Wittgenstein (BT 416) und setzt so implizit die Beunruhigung mit dem zu lösenden Problem gleich (die Beunruhigung ist das zu lösende – emotionale – Problem), Das Seltsame an der philosophischen Beunruhigung und ihrer Lösung möchte scheinen, daß sie wie die Qual des Asketen ist, der, eine schwere Kugel stemmend, unter Leiden dastand, und den ein Mann erlöste, indem er ihm sagte: ‚Laß’ sie fallen’. Man fragt sich: Wenn Dich diese Sätze beunruhigen, Du nichts mit ihnen anzufangen wußtest, warum ließest Du sie nicht schon früher fallen, was hat Dich daran gehindert? – Es war das System des Ausdrucks, welches mich in Bann hielt (FF [101]b, Weiterentwicklung von BT 416) nämlich die in diesem System implizite „Analogie“ (FF (101) a2). „[D]er Bann, in dem uns [...] [diese falsche] Analogie hält, [muß] gebrochen werden“ (FF [101]). Dies versetzt uns in die Lage, die Sätze, mit denen wir nichts anfangen können, „fallen zu lassen“, also „als sinnlos auf[zu]gebe[n]“ (BT 406), und befreit uns von unserer Unruhe. Der Bann, in dem eine falsche Analogie uns hält, kann in zwei Hauptschritten gebrochen werden: durch ihre Entlarvung und anschließende Ersetzung durch eine andere, richtige, Analogie. Zunächst müssen wir uns klar machen, daß die Analogie, die nicht stimmt, uns dazu gebracht hat, die philosophische Frage zu stellen, mit der wir dann nichts anfangen können:
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Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, alle falschen Gedankengänge so charakteristisch auszudrücken, daß der Andere sagt: ‚Ja, genau so habe ich es gemeint’ [...] Was der Andere anerkennt, ist die Analogie, die ich ihm darbiete, als Quelle seines Gedankens (FF (108)b, Weiterentwicklung von BT 410). Anfangs dachte Wittgenstein wohl, daß dies hinreichen würde: „[D]as im Unbewußtsein wirkende Gleichnis wird unschädlich, wenn es ausgesprochen wird“ (VW 68). Doch bereits im Big Typescript fügt er hinzu: Wenn ich einen philosophischen Fehler rektifiziere und sage, man hat sich das immer so vorgestellt, aber so ist es nicht, so muß ich immer auf eine Analogie zeigen, nach der man sich gerichtet hat, und, daß diese Analogie nicht stimmt (BT 408-9, meine Hervorhebung). In der Frühfassung der Untersuchungen beschreibt Wittgenstein ausdrücklich den zweiten Hauptschritt, den er bereits im Big Typescript macht: Wir müssen zugleich unser Denken neu ausrichten, auf eine neue Analogie, „indem wir ihr [der alten Analogie] eine andere an die Seite stellen, die wir als gleichberechtigt anerkennen“ (FF [101]). Da die alte Analogie laut Wittgenstein „falsch“ ist (BT 409), sie schlicht „nicht stimmt“ (BT 408-9), geht es ihm hier wohl darum, daß die andere, neue, Analogie so gewählt wird, daß sie uns bereits vor jeglicher Überlegung, welche die Falschheit der alten aufwiese, unmittelbar einleuchtet, und wir sie daher spontan als zumindest gleichberechtigt anerkennen. Nachdem durch diese Schritte klar geworden ist, daß man es sich nicht so ‚vorstellen’ muß, wie ‚man’ es ‚immer’ gemacht hat, können wir schließlich die philosophischen Behauptungen entkräften, zu denen wir im Banne der Analogie grundlos sprangen. Diese Schritte werden gut illustriert von den ersten Abschnitten des Kapitels Bedeutung (BT 25-42). Anhand dieses Beispiels möchte ich nun die beiden Hauptschritte von Wittgensteins Vorgehen entwickeln. Abschließend werde ich dann zeigen, daß beide, ganz im Einklang mit Wittgensteins eingangs zitierten methodologischen Bemerkungen, ohne philosophische Erklärung und Theoriebildung auskommen, in der Tat: ohne „Aussprechen neuer Wahrheiten über den Gegenstand der Untersuchung“ (BT 416). 6. Die Entlarvung leitender Analogien Im Eröffnungsabschnitt des Kapitels Bedeutung im Big Typescript (BT 25-29) bemüht sich Wittgenstein, die allgemeine Analogie von der Verwendung von Substantiven und der primitiven Verwendung physischer Begriffe (in Apportierspielen) im doppelten Sinne zu ‚entlarven’: zu identifizieren und zu widerlegen. Zur Identifikation: „Der Begriff der Bedeutung [wie ich ihn in meine philosophischen Erörterungen übernommen habe (PG 56)] stammt aus einer primitiven Auffassung der Sprache her“ (BT 25). Diese „Auffassung“, daß nämlich „das Benennen um und Auf der Sprache“ ist (BT 25), unser Bekannter (V), führt
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Wittgenstein mit einer Passage von Augustinus ein (auf die er bereits in BT und PG Bezug nimmt, aber erst in FF zitiert). In dieser wird die fragliche Auffassung nicht ausdrücklich vertreten, wohl aber implizit vorausgesetzt. Es handelt sich mithin um die Aufdeckung einer von uns in der Regel unbemerkten Voraussetzung. Wittgensteins nächster Zug zeigt, daß unsere implizite Akzeptanz dieser Voraussetzung der einer Analogie gleichkommt: (V) trifft durchaus, aber eben auch nur auf ganz bestimmte Fälle zu: auf die Verwendung und Erklärung von Namen in Apportierspielen wie das vom Maurer und seinem Gehilfen (BT 25; vgl. oben, Abschnitt 3). „Man könnte also sagen, Augustinus stelle die Sache zu einfach dar; aber auch: er stelle eine einfachere Sache dar“ (BT 26). Wenn wir in unseren philosophischen Überlegungen, ohne es recht zu merken, diese Auffassung voraussetzen, denken wir nur an diese ‚einfachere Sache’ und betrachten alles als ihr analog: erkennen Analogie (VA) an. Hierauf weist Wittgenstein mit einem Vergleich hin: Es ist [...] so, als wenn jemand erklärte: ‚spielen besteht darin, daß man Dinge, gewissen Regeln gemäß, auf einer Fläche verschiebt....’ und wir ihm antworteten: Du denkst da gewiß an Brettspiele, und auf sie ist Deine Beschreibung auch anwendbar. Aber das sind nicht die einzigen Spiele (BT 26). Also: Du betrachtest spontan und gedankenlos alle Spiele als Brettspielen analog. Wittgenstein selber beschreibt sein Vorgehen zur Identifikation falscher Analogien wie folgt: So befreien wir auch vom Bann des Ideals, indem wir es als Bild anerkennen und seinen Ursprung angeben. – Wie bist Du zu dem Ideal gekommen ...? Welche konkrete Vorstellung war sein eigentliches Urbild? Dies müssen wir uns fragen, sonst können wir seinen irreführenden Aspekt nicht los werden (FF [109]). Um sich und andere vom Bann der hinweisenden Erklärung der benennenden Verwendung physischer Begriffe als des Ideals der bedeutungskonstitutiven Erklärung schlechthin zu befreien, gibt er eine konkrete Vorstellung an, die dieser hinweisenden Erklärung eine solche Rolle zukommen läßt: die Vorstellung vom ‚Apportierspiel’ der Bauenden. Dies macht uns erstens klar, daß dieses ‚Urbild’ der Bedeutungserklärung nur auf einige Verwendungen unter sehr speziellen Umständen zutrifft, es bei Verallgemeinerung nur ein ‚Bild’ ist, und läßt uns zweitens erkennen und ‚anerkennen’, daß wir etwa in den ‚falschen Gedankengängen’, die uns zur Frage ‚Was ist Bedeutung?’ und zu Antworten auf diese führten, alle Erklärungen und Verwendungen von (Haupt-) Wörtern als diesem ‚Urbild’ analog betrachtet haben, daß diese Analogie die ‚Quelle’ unserer ‚Gedanken’ war (vgl. BT 410, FF [108]). Nur dann, wenn jemand die dargebotene Analogie als Quelle anerkennt, so Wittgensteins Erfolgsbedingung, ist sie sein Beweggrund (BT 410, vgl. FF [108]).
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Zur Widerlegung: Die so identifizierte Analogie ist schlicht falsch: Die Wörter haben offenbar ganz verschiedene Funktionen im Satz [statt bloß der Benennung von Gegenständen zu dienen] und diese Funktionen erscheinen uns ausgedrückt von den Regeln, die von den Wörtern gelten (BT 28). Jeder kompetente Sprecher beherrscht diese Regeln und kann sich leicht von der Richtigkeit dieser Aussage überzeugen. Wittgenstein begnügt sich daher mit einem Vergleich: „Man könnte den Fall mit dem einer Schrift vergleichen, in der Buchstaben zum Bezeichnen von Lauten benützt würden, aber auch zur Bezeichnung der Betonung und als Interpunktionszeichen“ (BT 26). „Augustinus’ Beschreibung der Sprache [gleicht] völlig“ dem Fall, „daß Einer diese Schrift so auffasste, als entspräche einfach jedem Buchstaben ein Laut und als hätten die Wörter nicht auch ganz andere Funktionen“ (BT 26-7). Ein weiterer Vergleich (zwischen Wörtern und Handgriffen) läßt uns sehen, daß uns Äußerlichkeiten wie die Formen von Wörtern diese falsche Analogie suggerieren (BT 28, klarer die Weiterentwicklung PG 58). So verwendet Wittgenstein Vergleiche, um uns an uns bereits vertraute sprachliche Tatsachen zu erinnern, an denen die uns stillschweigend leitenden Analogien scheitern oder die uns diese suggerieren. Dies Vorgehen illustriert die methodologische Bemerkung, die sich bezeichnenderweise unmittelbar an die Beschreibung der charakteristisch philosophischen Beunruhigung anschließt, die, wie wir gesehen haben, das Denken nach falschen Analogien erzeugt: „Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck“ (BT 415): um uns klar zu machen, warum wir bestimmte Analogien bezwingend finden, und daß sie nicht stimmen. Die oben (in Abschnitt 4) besprochenen Vereinbarungsprobleme ergaben sich alle aus einem Konflikt zwischen der uns leitenden Analogie und uns vertrauten Tatsachen. Wer diese Konflikte verspürt, wird die nun intendierte Widerlegung nur dann nüchtern − und insbesondere ohne den Drang, neue Vereinbarungsprobleme zu formulieren − akzeptieren, wenn sie in zwei Schritte eingebettet ist: Wenn ihm erstens zuvor klar wurde, daß ihn die aufgezeigte Analogie leitete und verschiedene Behauptungen grundlos und trotz ihrer Kategoriefehler plausibel finden ließ. Und wenn ihm zugleich zweitens eine neue, richtige, Analogie so dargeboten wird, daß sie ihm intuitiv ebenso unmittelbar einleuchtet wie die falsche, von deren Bann er sich nun zu befreien sucht. Wenn die beiden Analogien miteinander offensichtlich unverträglich sind, verdrängt die neue die alte Analogie: Die spontane Anerkennung der neuen läßt die verstandesmäßig bereits durchschaute alte Analogie wirkungslos werden. Betrachten wir nun, wie Wittgenstein neue Analogien aufzeigt, die mit der von ihm entlarvten Analogie unverträglich sind, und zwar so aufzeigt, daß diese gerade auch einem Philosophen unmittelbar einleuchten, der sich von der alten Analogie leiten ließ (wie Wittgenstein in seinem Frühwerk).
52 7. Der Aufbau neuer Analogien
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Die Grundidee im Big Typescript ist es, neue Analogien aufzubauen (und uns zur Aufgabe sinnloser ‚Fragen’ und ‚Antworten’ zu bewegen) durch „Festsetzung einer [neuen] Regel“, die uns eine Analogie erkennen bzw. „ein System sehen“ läßt, das „diejenigen Gebilde (systematisch) ausschließt, die uns immer beunruhigt haben, mit denen wir nichts anzufangen wußten und die wir doch respektieren zu müssen glaubten“ (BT 416). In einigen Fällen können wir dies dadurch tun, daß „wir einem System des Ausdrucks andere an die Seite stellen“ (FF [101]a). Um uns zum Beispiel dazu zu bringen, „den Satz der Identität als Grundgesetz des Seins fallen zu lassen“ (ebd.), müssen wir den Bann der Analogie zwischen Identitätsaussagen und Eigenschaftszuschreibungen brechen, die beide mit dem Wörtchen „ist“ gemacht werden. Hierzu können wir eine neue Notation einführen, die für die verschiedenen Verwendungsweisen von ‚ist’ verschiedene Zeichen vorsieht, etwa „ε“ und „=“. Diese neue Notation macht zwei Systeme einander analoger Aussagen sichtbar, wo wir vorher nur eines sahen: Auf „ε“ muß stets ein Prädikat folgen, „=“ verbindet hingegen stets singuläre Terme. Dies schließt uns beunruhigende Sätze systematisch aus. So macht die neue Notation es uns nicht nur unmöglich, Dingen eine ‚Eigenschaft der Selbstidentität’ zuzuschreiben, sondern auch, Sätze wie „Die Rose ist rot und ist doch wieder nicht rot“ (FF [100] c), zu bilden, so daß ‚das Problem der Identität in der Verschiedenheit verschwindet’ (FF [101]). Die Idee, dieses Problem und seine Verwandten durch Einführung einer neuen Notation zum Verschwinden zu bringen, ist eine besonders klare und einfache Illustration des Wittgensteinschen Diktums: „Wie ich Philosophie betreibe, ist es ihre ganze Aufgabe, den Ausdruck so zu gestalten, daß gewisse Beunruhigungen / Probleme / verschwinden“ (BT 421). Wittgensteins Behandlung der Frage ‚Was ist Bedeutung?’ wendet die obige Grundidee demgegenüber in subtilerer und komplexerer Weise an. Wer, wie die meisten Sprachphilosophen, diese Frage stellt, ohne sich über seine Motivation hierfür klar zu sein, wird die metaphysische zugleich als definitorische ‚Was ist X?’-Frage betrachten. Er erbittet dann eine „allgemeine Regel“, die für die Verwendung des Wortes X „gilt, das heißt: nach welcher [er] zu spielen entschlossen“ ist (BT 415). Mit anderen Worten: Ihn befriedigt nur eine Antwort der Form ‚Die Bedeutung eines Wortes ist...’, die ihm spontan so einleuchtet, daß er sie als Definition oder Regel für das Wort „Bedeutung“ akzeptiert. Um sein Problem zum Verschwinden zu bringen, muß diese Regel ihn ein neues System sehen lassen, das seine ursprüngliche Frage und unbefriedigende Antworten wie die Sätze (A1) bis (A3) als unsinnig ausschließt. Der zweite und dritte Abschnitt des Kapitels Bedeutung präsentieren bereits in ihren Überschriften jeweils eine einleuchtende Formel, die man auf der Suche nach einer Wesensbestimmung oder Definition von „Bedeutung“ als ‚Regel’ annehmen könnte:
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(R1) [Die] Bedeutung [eines Wortes ist] der Ort des Wortes im grammatischen Raum. (BT 30; vgl. PG 59) (R2) Die Bedeutung eines Wortes ist das, was die (grammatische) Erklärung der Bedeutung erklärt. (BT 34; vgl. PG 59) In beiden Fällen motiviert Wittgenstein die Formel in einer Weise, daß sie uns spontan einleuchtet, und verwendet sie dann zweitens, um uns ein ‚neues System’ sehen zu lassen, nämlich eine Möglichkeit systematischer Umformung: Sätze, die das Wort „Bedeutung“ enthalten, können systematisch (wenn auch nicht ganz ausnahmslos) umgeformt werden in Sätze, die statt von der ‚Bedeutung’ vom ‚Gebrauch’ des Wortes reden. In der Philosophischen Grammatik wird dies neue System ruck zuck in den Blick gerückt: Unmittelbar nach Anführung von (R1) und (R2) heißt es da: „Die Erklärung der Bedeutung erklärt den Gebrauch des Wortes.“ (PG 59) (R3) Der Gebrauch des Wortes in der Sprache ist seine Bedeutung. (PG 60) Wir fragen und sagen, was Wörter bedeuten, wenn wir wissen oder erklären wollen, wie sie zu gebrauchen sind. Wir betrachten nicht alle Aspekte des Gebrauchs (wie zum Beispiel den Grad der Förmlichkeit) als wesentlich. Wir erklären einen Aspekt oder eine Regel des Gebrauchs dadurch für wesentlich, daß wir ihn zur Bedeutung hinzuzählen (VW 304). „‚Erklärung der Bedeutung eines Zeichens’ damit meint man vor allen anderen Regeln des Gebrauchs die Definitionen [verbal oder hinweisend]“ (PG 60). Also: „Bedeutung“ und „Gebrauch“ bedeuten nicht genau das gleiche. Aber man kann Aussagen darüber, was Wörter bedeuten, typischerweise umformulieren als Aussagen über bestimmte Regeln ihres Gebrauchs. In genau diesem Sinne erläutert Wittgenstein (R3) in den Untersuchungen: (R3’) Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes „Bedeutung“ – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. (FF (41), PU 43) Wenn wir dieser Erklärung bei der Ausformulierung unserer philosophischen Frage und ihrer Antworten durch entsprechende Ersetzungen Rechnung tragen, erhalten wir: (F*) „Was für eine Art von Gegenstand ist der Gebrauch eines Wortes?“ (A1*) „Der Gebrauch eines Wortes ist der zeigbare – materielle und räumliche – Gegenstand, den das Wort bezeichnet.“ (A2*) „Der Gebrauch eines Wortes ist ein quasi-materieller und quasiräumlicher Gegenstand.“ (A3*) „Der Gebrauch eines Wortes ist ein Vorstellungsbild des vom Wort bezeichneten Gegenstandes.“
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Durch solche Ersetzungen können wir systematisch Sätze, die von Bedeutungen als ‚Gegenständen’ gleich welcher Art reden, als Unsinn entlarven und so als sinnlos ausschließen. Diesen Zug propagiert Wittgenstein auch noch später: „Was ich lehren will, ist: von einem nicht offenkundigen Unsinn zu einem offenkundigen übergehen“ (PU 464). Nun war der Unsinn unserer Ausgangsfrage und -antworten auch nicht eben subtil versteckt – und trotzdem glaubten viele Philosophen, sie respektieren zu müssen. Wittgensteins Vorgehen verhindert ungerechtfertigten Respekt nicht nur durch den Übergang zu noch offenkundigerem Unsinn, sondern auch dadurch, daß es uns zugleich mit dem ‚neuen System’, der systematischen Umformungsmöglichkeit, auch eine neue Analogie sehen läßt, die (VB) verdrängen kann. Bauen wir sie auf! (R2) und (R3) implizieren, daß Bedeutungserklärungen Gebrauchserklärungen sind. Aber den Gebrauch eines Wortes erklären wir auf sehr viele verschieden Weisen: durch Anführung von Synonymen, durch Beschreibung von Beispielen, durch Erklärung der Funktionsweise des bezeichneten Dinges (bei funktionalen Konzepten wie ‚Scheck’) usw. usf. So bringen (R2) und (R3) weitere Arten von Erklärungen in den Blick, zusätzlich zu der hinweisenden Erklärung, wie wir sie in einem Apportierspiel geben würden, und wir sehen, daß diese Erklärung keineswegs ‚besonders fundamental’ ist: „Es kann uns so scheinen, als müßten aus der hinweisenden Erklärung eines Wortes die andern grammatischen Regeln über dieses Wort folgen“ (PG 60). Doch diese Erklärung ist nicht „wirklich eindeutig“ (ebd.): „Der gleiche Hinweis [etwa: ‚Das sind drei rote Kreise’] könnte ein Zahlwort, ein Formwort, ein Farbwort, etc. erklären. Nur spielt die hinweisende Erklärung in der Grammatik jeder Wortart eine andere Rolle [vgl. etwa ‚Dies ist eine Platte’ mit ‚dieser Tag heißt Montag’]; und in jedem Fall ist sie nur eine Regel“ (PG 61), eine Gebrauchsregel unter vielen, von denen etliche bekannt sein müssen, damit die hinweisende Erklärung selber verstanden werden kann (PG 60, 61; vgl. BT 32-33). (VG) Die hinweisende Erklärung von Substantiven in einem Apportierspiel ist eine Gebrauchserklärung wie viele andere: Sie erklärt, wie ein Wort in bestimmten Kontexten zu gebrauchen ist, und stellt bloß eine von vielen einschlägigen Regeln für den Gebrauch des betreffenden Wortes dar. Wenn wir diese Analogie zu anderen Erklärungen anerkennen, etwa: die beiden genannten Ähnlichkeiten heranziehen, um zu erklären, wie wir hinweisende Erklärungen verstehen können, die „doch nichts weiter als diese Worte zusammen mit dem Hinweisen auf [beispielsweise] einen roten Gegenstand“ sind (PG 60), dann ist der Bann jenes „Urbildes“ (FF [109] a) gebrochen, und wir sind nicht mehr geneigt, wider besseres Wissen Gedankensprünge zu machen, die voraussetzen, daß Wörter allein dem Benennen von Gegenständen dienen und ihre Bedeutung allein der hinweisenden Erklärung verdanken. In Wittgensteins Worten: Wir betrachten dann jenes Ur- oder „Vorbild ... als Vergleichsobjekt – sozusa-
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gen als Maßstab – ... und nicht [mehr] als das Vorurteil, dem die Wirklichkeit entsprechen müsse“ (FF [109] d). Um diese Wirkung haben zu können, muß uns die neue Analogie spontan einleuchten, sobald wir neben der besonderen hinweisenden Erklärung des Apportierspieles auch die anderen in den Blick nehmen. Um genau dies zu erreichen, verwendet Wittgenstein im Big Typescript die uns unmittelbar einleuchtenden Formeln (R1) und (R2), um – weniger ruck zuck als in der Philosophischen Grammatik – die Formel (R3) einzuführen, die ansonsten gerade den Philosophen nicht plausibel erscheint, die sich ernsthaft fragen, was Bedeutung ist. (R1) leuchtet denen, die unsere oben besprochenen Probleme bezwingend finden, wohl schon allein aufgrund der Aufnahme der Raum-Metapher ein – die Bedeutung zwar nicht als Gegenstand, aber als Ort, in einem Raum. Wittgenstein motiviert (R1) mit den Worten: Wir sagen: das Wesentliche am Wort ist seine Bedeutung; wir können das Wort durch ein anderes ersetzen, das die gleiche Bedeutung hat. Damit ist gleichsam ein Platz für das Wort fixiert und man kann ein Wort für das andere setzen, wenn man es an den gleichen Platz setzt. (BT 30) Das ‚neue System’ rückt dann ganz von alleine in den Blick, wenn man sich anhand eines konkreten Beispiels klar macht, was es heißt, ein Wort ‚an den gleichen Platz zu setzen’ wie ein anderes bzw. was ‚die Stelle eines Wortes bestimmt’ (BT 30): Man könnte z. B. ausmachen, im Deutschen statt ‚nicht’ immer ‚not’ zu setzen und dafür statt ‚rot’ ‚nicht’. So daß das Wort ‚nicht’ in der Sprache bliebe und doch könnte man nun sagen, daß ‚not’ so gebraucht wird wie früher ‚nicht’, und daß jetzt ‚nicht’ anders gebraucht wird als früher. (BT 30-31) Also: Wir können ein Wort überall durch ein anderes, neues, ersetzen, wenn wir das neue genau so gebrauchen, wie das alte. (Der Gebrauch ‚bestimmt den Platz’ eines Wortes in der Sprache.) Aber wenn das alte durch das neue Wort ersetzt werden kann, dann haben die beiden die gleiche Bedeutung. Der gleiche Gebrauch gewährleistet also gleiche Bedeutung. Daß, allgemeiner, der Gebrauch die Bedeutung bestimmt, geht aus dem nächsten Beispiel hervor: Wäre es nicht ähnlich, wenn ich mich entschlösse ... eine [Schach-] Figur, die wir jetzt ‚Rössl’ nennen würden, als Königsfigur zu nehmen? Wie würde sich nun zeigen, daß das hölzerne Pferdchen Schachkönig ist? Kann ich hier nicht sehr gut von einem Wechsel der Bedeutung reden? (BT 31) Nun, daß die ‚Rössl’ genannte Holzfigur jetzt der Schachkönig ist, würde sich daran zeigen, daß sie nach den Regeln gebraucht wird, die bis jetzt für die Bewegungen der Königsfigur gelten. Und wir können in der Tat sagen, daß sich die
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Bedeutung von „Rössl“ ändert, wenn die so bezeichnete Figur nach diesen neuen Regeln bewegt bzw. gebraucht wird. Nachdem er so die Bestimmung der Bedeutung durch den Gebrauch in den Blick gebracht hat, verwendet Wittgenstein (R1), wie später in der Grammatik die Formel „Die Bedeutung ist die Rolle, die das Wort im Kalkül spielt“ (PG 63, vgl. PG 67), um der Angleichung von Bedeutungen an Gegenstände ihre intuitive Plausibilität zu nehmen, die uns sonst jene Bestimmung missverstehen läßt. Er betrachtet die Angleichung von ‚der Träger des Namens N’ und ‚die Bedeutung von N’, und erinnert an die vertraute Tatsache, daß diese Ausdrücke in diversen Sätzen nicht durch einander, sondern durch je verschiedene Ausdrücke ersetzt werden dürfen (BT 31-2; klarer: PG 63-4). Die metaphorischen ‚Regeln’ bringen die Relevanz dieser Tatsache in den Blick: Die Ausdrücke sind an verschiedene Plätze zu stellen, spielen verschiedene Rollen; sie haben verschiedene Bedeutungen, dürfen nicht einfach miteinander gleichgesetzt werden. (R2) kommt zum Tragen, nachdem so die Abhängigkeit der Bedeutung vom Gebrauch in den Blick gekommen ist. Wittgenstein verwendet die Tautologie, um das mögliche Mißverständnis abzuwenden, daß der Gebrauch die Bedeutung ‚äußerlich’ bestimmt; um zu zeigen, daß Bedeutung und Gebrauch in einer solch ‚internen’ Beziehung stehen, daß wir die Rede von ersterer in der Regel durch die Rede von letzterem ersetzen können. Hierzu macht er zuerst deutlich, daß die Erklärung der Bedeutung eines Wortes uns diese ‚gibt’, statt uns bloß zu dieser ‚zu verhelfen’ wie zu einer separaten Wirkung (vgl. BT 34). Dies motiviert zugleich die ‚Regel’: Die Grammatik erklärt die Bedeutung der Wörter, soweit sie zu erklären ist. Und zu erklären ist sie soweit, als nach ihr gefragt werden kann; und nach ihr fragen kann man soweit, als sie zu erklären ist. Die Bedeutung ist das, was wir in der Erklärung der Bedeutung eines Wortes erklären. (BT 37) Dies erläutert sofort ein Vergleich: „Das, was ein cm3 Wasser wiegt, hat man ‚1 Gramm’ genannt.“ – „Ja, was wiegt er denn?“ („Bedeutung eines Wortes“) (BT 37, PG 59) Also: Genauso, wie es unsinnig ist, nach der Definition der Maßeinheit zu fragen, ‚Ja, und was ist denn nun das Gewicht von einem cm3 Wasser?’, genauso ist es unsinnig zu fragen, ‚Ja, und was ist denn nun die Bedeutung, die Bedeutungserklärungen erklären?’ Denn „Bedeutung“ ist schlicht die Bezeichnung für das, was wir in Bedeutungserklärungen erklären. Mit diesen erklären wir, wie Wörter zu verwenden sind, ihren Gebrauch. Also ist „Bedeutung“ schlicht eine Bezeichnung für den Gebrauch bzw. diejenigen Aspekte des Gebrauchs, die wir als wesentlich betrachten. So eingeleitet, leuchtet uns der Schritt von „Die Erklärung der Bedeutung erklärt den Gebrauch des Worts“ (PG 59) zu „Der Gebrauch des Wortes in der Sprache ist seine Bedeutung“ (PG 60) unmittelbar ein, womit der Weg für die spontane Akzeptanz der neuen Analogien frei ist.
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8. Schluß: Problemauflösung ohne Theorien Durch Entlarvung einer uns unbewußt leitenden falschen Analogie – (VA) – und bewußten Aufbau neuer, richtiger Analogien – angezeigt von (VG) – führt uns Wittgenstein zur Aufgabe unserer philosophischen Thesen und der metaphysischen Frage, die diese beantworten sollten. Diese Auflösung des Problems, was Bedeutung ist, vollzieht sich im Einklang mit Wittgensteins eigenen, eingangs zitierten, methodologischen Bemerkungen: Er stellt dabei keine Erklärung, Hypothese oder Theorie auf über den Gegenstand der Untersuchung, über sprachliche Bedeutung. Die Entlarvung der alten Analogie vermittelt uns in der Tat neue Einsicht: Wir erkennen, von welchen in der Sprache angelegten Analogien wir uns leiten ließen, ohne es recht zu merken. Aber dies ist eine Einsicht nicht in das Wesen sprachlicher Bedeutung, sondern in den Charakter der Überlegungen, die wir darüber anstellten. Und die anschließende Widerlegung der uns leitenden Analogie vollzieht sich durch Erinnerung an vertraute sprachliche Tatsachen, statt Entdeckung neuer Wahrheiten über sprachliche Bedeutung. Der Aufbau der neuen Analogien vollzieht sich vermittels von drei Sätzen, die auf den ersten Blick dem Ausdruck solcher Wahrheiten zum Verwechseln ähnlich sehen. Doch (R1) ist zu metaphorisch und (R2) zu tautologisch, um eine ‚neue Wahrheit’ auszudrücken. Und (R3) wird explizit als Erklärung der etablierten ‚Benützung’ von „Bedeutung“ deklariert (PU 43), mit der jeder kompetente Sprecher vertraut ist. Um die wirklich entscheidenden Eigenschaften dieser Sätze in den Blick zu bekommen, müssen wir allerdings, statt der einzelnen Sätze oder Wittgensteins Kommentare zu ihnen, etwas umfassender sein oben beschriebenes Vorgehen betrachten und die Situation, auf die es reagiert. Wir reden normalerweise nur von der Bedeutung bestimmter Ausdrücke. Die Regeln der normalen Sprache normieren bloß solche Rede und lassen uns im Stich, sobald wir von der Bedeutung von Ausdrücken allgemein reden wollen. Wenn wir uns gedrängt fühlen, die Frage ‚Was ist die Bedeutung von Wörtern?’ zu stellen und Antworten auf diese zu formulieren, tun wir dies also ohne Regeln, welche die Verwendung des Wortes „Bedeutung“ in solch abstrakter Diskussion näher bestimmen würden. Daher wissen wir mit den allgemeinen Fragen und Behauptungen ‚nichts anzufangen’. Und daher tasten wir, solange wir im Banne bestimmter Analogien doch glauben, sie ‚respektieren zu müssen’, nach neuen Regeln, die uns auch in den abstrakten Kontexten leiten können, in denen die etablierten Regeln uns im Stich lassen. Das entscheidende Manöver Wittgensteins im Big Typescript, von ihm selber vielleicht eher intuitiv angewandt als verstandesmäßig verdaut, besteht darin, uns gerade durch Befriedigung dieses Bedürfnisses nach neuen Regeln zur Aufgabe der philosophischen Fragen und Antworten zu bringen: uns unmittelbar einleuchtende Regeln vorzuschlagen, die uns – bei hinreichend subtiler Anwendung – neue Analogien anerken-
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nen lassen, welche die alten verdrängen, und uns so vom Drang befreien, unsere Ausgangsfrage und deren Antworten zu respektieren. Da uns in abstrakter und zweckfreier Überlegung bei der Verwendung des Wortes ‚Bedeutung’ nichts leitet außer jene Analogien, denen zu folgen wir uns nicht einmal bewußt sind, da wir also sozusagen auf den losgelösten Brettern unserer abstrakten philosophischen Fragen und Antworten reibungs- und orientierungslos durch den leeren Raum rudern, nehmen wir so gut wie jeden Vorschlag bereitwillig auf, der uns intuitiv einleuchtet. Dies ist besonders – aber nicht nur – dann der Fall, wenn dieser Vorschlag in natürlicher Weise die uns leitende Analogie aufnimmt – wie (R1). Wenn die neue Regel uns nicht in neue Verwirrungen führen soll, darf sie uns jedoch zugleich – wie zum Beispiel (R2) – nichts sagen lassen, was spezifische Implikationen hätte, die Aussagen über die Bedeutung bestimmter Ausdrücke widersprächen, die wir in Anwendung unserer etablierten Regeln machen. Und wenn die Akzeptanz der neuen Regel uns obendrein von den bestehenden Verwirrungen befreien soll, muß sie – wie insbesondere (R3) – das bereits genannte Kriterium erfüllen und uns eine neue Analogie erkennen lassen, welche die alte wirkungslos machen kann – zumindest sobald diese entlarvt wurde. So wie sie im Rahmen dieses Verfahrens verwendet werden, drücken (R1) bis (R3) schon allein deswegen keine ‚neuen Wahrheiten über den Gegenstand der Untersuchung’ aus, weil sie keine Aussagen machen, sondern Regeln formulieren für die Verwendung des Wortes „Bedeutung“ in bislang ‚wilden’ Kontexten, in denen sie noch nicht bestimmt ist. Diese neuen Regeln sind nicht wahr oder falsch, haben nicht ‚den Tatsachen zu entsprechen’, sondern die genannten Desiderate zu erfüllen. Im Mittelpunkt der methodologischen Überlegungen des Big Typescript steht die Idee, philosophische Beunruhigung zu beseitigen durch Entlarvung falscher Analogien, nach denen wir uns in abstrakter Überlegung richten, ohne es recht zu merken; und durch Einübung neuer Denkmuster vermittels neuer Regeln, die uns andere, richtige, Analogien erkennen lassen. Diese Ideen entwickelte Wittgenstein noch in verschiedenen Bemerkungen der Frühfassung der Philosophischen Untersuchungen weiter. Gerade diese Bemerkungen schied er jedoch aus deren Spätfassung wieder aus. Ich vermute, daß ihm zunehmend klar wurde, daß irreführende Analogien lediglich die Spitze eines Eisbergs sind. So sahen wir etwa, daß uns die Analogie (VB) einleuchtet, wenn wir einen bestimmten Gedankensprung mit Voraussetzung (V) machen, nämlich von Beobachtung (B0) zu (A0) und (A1). Doch Gedankensprünge mit derselben Voraussetzung machen wir auch an vielen anderen Stellen. Allgemein: Falsche Analogien leuchten uns, trotz ihrer Falschheit, genau dann ein, wenn wir einen umfassenden ‚Trieb’ haben, auch entgegen besserem Wissen wieder und wieder Gedankensprünge mit charakteristischen falschen Voraussetzungen zu machen. Deshalb, vermute ich, wandte Wittgenstein seine Aufmerksamkeit zunehmend diesen kognitiven ‚Trieben’ oder Gewohnheiten zu, die er etwa gegen Ende der Untersuchungen sehr treffend charakterisiert (PU 597). Andernorts habe ich rekonstruiert, mit
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welchen – teils der modernen kognitiven Therapie ähnlichen – Mitteln er diese Denkgewohnheiten zu identifizieren und modifizieren suchte.7 Doch sahen wir (in Abschnitt 3), daß uns spontan einleuchtende Analogien solchen irreführenden Denkgewohnheiten wesentlich Vorschub leisten können. Ihre Entlarvung und Ersetzung ist deshalb ein wichtiges Mittel für die Beseitigung beunruhigender philosophischer Verwirrungen. Die im Big Typescript entwickelten Methoden sind von einem anderen als bloß historischen Interesse.8
7 Eugen Fischer, „A Cognitive Self-Therapy – Philosophical Investigations §§ 138-97“, in: Ammereller / Fischer, Anm. 2, 86-126. 8 Für Kommentare zu einer früheren Fassung danke ich Erich Ammereller, für einen hilfreichen Datierungshinweis Joachim Schulte.